Verschwörungstheorien: Die „Akte X“ in uns

Die UNO – ein Friedensstifter? Mitnichten, bastelt sie doch insgeheim an einer Invasion der USA. Und auch sonst sind alle im Bandl. Phänomen Verschwörungstheorien: eine Tour de force von den Kreuzzügen bis heute.


Verschwörer sind wir alle. Von Kindesbeinen an. Das beginnt mit Kindergartenränken, die man gegen den garstigen Karli von nebenan schmiedet, setzt sich fort in Taschengeld-Komplotten mit der Mutter – „Aber nichts dem Papa sagen!“ – und mündet schließlich in veritable Gymnasialkonspirationen wider die Tyrannis des Mathematikprofessors. Im Berufsleben folgen nahtlos konzertierte Aktionen gegen missliebige Kollegen – Stichwort „Mobbing“ –, sich selbst Nutzen, anderen Schaden bringende Verhaberung bis hin zu allerlei Kabalen und Intrigen, die uns den Weg nach oben auf der Karriereleiter frei machen sollen.

Weil jeder Verschwörer hinter jeder Ecke wiederum eine Verschwörung anderer vermutet, ist auch jeder von uns ein gewiefter Verschwörungstheoretiker. Außerdem: Nichts ist enttäuschender als eine einfache, geheimnislose Wirklichkeit. Wo zwei beieinanderstecken, glaubt ein Dritter gern, man hecke etwas gegen ihn oder gegen anderen aus. Alles nur Small Talk? Erfahrungsaustausch über den letzten Italienurlaub? Lächerlich!

Und wenn wir im Freitagabendkrimi einen Mann mit blutverschmiertem Messer in der Hand und, vor ihm liegend, eine gleichermaßen blutverschmierte Leiche sehen, dann sind wir bereit, alles andere eher zu akzeptieren, als dass der Mann mit dem Messer der Mörder ist. Wider jede Erfahrung, die doch nichts lehrt, als dass das Leben in aller Regel eben genauso trivial ist, wie es uns scheint, halten wir den trivialen Schein stets für ein Trugbild, das ungeahnte andere, tiefere, schier abgründige Wahrheiten verdeckt.

Wobei es sorgsam zwischen Amateuren auf dem Feld der Verschwörungstheorien und den wahren Profis zu unterscheiden gilt: Für die einen – und sie sind in der Überzahl – ist die Enthüllung von Komplotten, die doch so oft nur die Verhüllung einer banalen Realität ist, eine Art Freitzeitunterhaltung, Dilettantismus im besten Sinne, vergleichbar dem Genuss eines Kreuzworträtsellösers, der sich sein Kreuzworträtsel selbst entwirft.

Den anderen freilich ist sie Berufung, ja zentraler Lebensinhalt, den sie nur allzugern an andere, die vermeintlich Ahnungslosen, weitergeben. Leicht vorgebeugt pirschen sie sich an uns an, legen uns, um die bedeutungsvolle Intimität des Moments zu unterstreichen, vielleicht noch die Hand auf die Schulter, und dann raunen sie uns – ganz und gar exklusiv – Entlarvendes ins Ohr. Dass der A mit dem B, weil der ja mit dem C, selbstverständlich nicht ohne vorher mit dem D und dem E, was dazu führen wird dass der F, der bekanntermaßen mit G und H, jedoch nicht mit I, sich seinerseits an den J, von dem jedes Kind weiß, wie sehr er mit K, L, M und N, von O und P ganz zu schweigen und so weiter und so fort bis Y und Z, denn er, und nur er lässt sich kein X für ein U vormachen.

So wandeln sich innerhalb weniger Gesprächssekunden die Zufälle des Alltags in ein komplexes Geflecht von Ursachen und Wirkungen, Bezügen und Beziehungen: Aus einem schlichten Händeschütteln werden Geheimabsprachen über die Zukunft der Wiener Festwochen, eine flüchtige Begegnung im Pissoir signalisiert Neuwahlen Anfang Mai, und auch dafür, dass es vor 14 Tagen geregnet hat, wird sich – mit dem nötigen Insiderwissen – ein konspirativer Hintergrund enttarnen lassen. Nicht zuletzt Zeitungsspalten sind es, die solches und ähnliches Tag für Tag füllt – zur vollen Zufriedenheit eines verschwörungslüsternen Publikums.


Wer steckt dahinter?“, fragen Jürgen Roth und Kay Sokolowsky im Titel ihres jüngsten Buches, das laut zeitgemäß listentrunkenem Untertitel die „99 wichtigsten Verschwörungstheorien“ zu präsentieren verspricht. Und sie liefern behende ein paar rundum überzeugende Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: „Lady Di stirbt in einem Pariser Tunnel, und sofort sind der komplette britische Geheimdienst und der islamische Fundamentalismus verdächtig. Der Fahrer was besoffen? Er wurde besoffen gemacht! Fotos von den Unfallopfern druckt man aus Pietät nicht? Quatsch – man hält sie geheim, weil sie beweisen würden, dass es gar nicht Di war, die zermalmt wurde!“

Die allerseits spürbare Konjunktur solcher Verschwörungstheorien sei „Zeichen für und Ausdruck von Antimodernismus“: „Gegen einen Konspirationsfanatiker hilft kein Argumentieren. Er glaubt an die dunklen Mächte mit selber Inbrunst wie der beseelte Moslem an Allah. Wer aber meint, kein Ding sei, was es scheint, wer jeden Zufall zum Schicksal erklärt, der hat nicht nur die Aufklärung verschlafen, der gibt überdies den perfekten Kunden für Verschwörungslegenden ab.“

Nichts auszudenken, was sich einschlägig gestimmte Geister zu dem Umstand zusammenreimen werden, dass sich Roths und Sokolowskys frechflapsiges Verschwörungstheorienkompendium kein bisschen um die im Untertitel annoncierte Zahl 99 schert. Ein verschlüsseltes Signal für außerirdische Eindringlinge? Mindestens jedenfalls ein Fall für die „Akte X“ des FBI.


Apropos Vereinigte Staaten. Dort treibt der Verschwörungsfuror seit Jahren seine wunderlichsten Blüten. „Rechte Gruppen rechnen mit einer Invasion der USA durch Streitkämpfe unter UNO- Kommando“, weiß Daniel Pipes in seinem großangelegtem Essay „Verschwörung – Faszination und Macht des Geheimen“ zu berichten. „Manche sind der Meinung, dass dieser Einmarsch noch bevorsteht; dass auf der Rückseite der Fernstraßenschilder Geheimmitteilungen für Invasionstruppen eingegeben sind. Andere wiederum glauben, dass die Invasion bereits begonnen hat und sich an geheimen Orten quer durch die Vereinigten Staaten 300.000 russische und hongkongchinesische Soldaten sowie Gurkhas versteckt haben.“

Daniel Pipes wird es wissen. Schließlich ist er selbst US-Amerikaner, lebt und forscht in Philadelphia. Sein Spezialgebiet: der Nahe Osten. Dem verdankt er wiederum seine Annäherung an das Konspirative: „Als ich den Ursprüngen der paranoiden Vorstellungen von Menschen wie Nasser, Khomeini und Saddam Hussein nachging, machte ich die Entdeckung, dass ihre Angst vor Komplotten sich größtenteils aus europäischen und amerikanischen Quellen herleitete. Infolgedessen führten meine Forschungen mich von der aktuellen arabischen und iranischen Politik zur Geistesgeschichte der westlichen Welt.“

Zurückgreifend bis ins Mittelalter, versucht Pipes, eine „integrale Deutung des Verschwörungsdenkens“ zu entwickeln, die weit über den konspirationsfrohen Klatsch des Alltags hinausreicht, sehr wohl aber Phänomene wie den UNO- Verfolgungswahn der amerikanischen Rechten in einen historischen Zusammenhang stellt: „Die paranoiden Vorstellungen, die heutzutage in den Vereinigten Staaten kursieren, sind alles andere als neu. Es sind die literarischen Traditionen des Verschwörungsdenkens, die den Kontext für das Hier und Heute liefern.“

Schließlich seien Verschwörungstheorien Kräfte, „die Geschichte machen können – und immer wieder Geschichte gemacht haben“: „Es ist ein Fehler, Verschwörungsdenken als Phänomen von sekundärer Bedeutung oder gar als lächerlichen Zeitvertreib abzutun. Damit wäre nicht nur die entscheidende Rolle verkannt, die das Verschwörungsdenken während der vergangenen Jahrhunderte gespielt hat, sondern auch seine gegenwärtige Bedeutung und sein künftiges Potenzial.“


Fangen wir am Anfang an. „Die Kreuzzüge veranlassten die Christen, Muslime und Juden in Parallelität als interne und externe Ungläubige zu sehen“, erläutert Pipes. Und: „Die Juden wurden auf völlig neue Weise als feindliches Volk betrachtet, dessen bloße Existenz in Frage gestellt wurde.“ Ein paar beherzt christliche Brunnenvergiftungs- und Ritualmord-Unterstellungen später war es fertig, das eine Feindbild, das die Theorien von der ganz großen, der Weltverschwörung bis zum heutigen Tag dominiert: die Juden.

Auch das andere Feindbild, Geheimbünde aller Art, leitet Pipes aus den Kreuzzügen her. Dessen Ahnväter: die Tempelritter, ein Militärorden, gegründet zum Schutz der christlichen Pilger auf dem Weg nach Jerusalem, der in vergleichsweise kurzer Zeit nebst Macht auch beachtliche Geldmittel anhäufte, was nicht von allen als kompatibel mit dem Stand eines Ordensritters angesehen wurde. Der französische König Philipp IV. fand die Sache so anstößig, dass er die Templer gefangensetzen, ihren Großmeister verbrennen ließ und selbstredend über all dem nicht vergaß, ihren widerlichen Reichtum zu konfiszieren. Ein Beispiel, dem sich die meisten europäischen Herrscher tugenddurstig anschlossen. „Der spektakulärste Aufschwung, die Machtfülle und das grausige Ende machten die Templer zu einem dauerhaften Objekt europäischer Verschwörungstheorien“, meint Pipes. „Die Okkultisten statteten sie mit magischen Kräften aus. Die Rationalisten der Aufklärung deuteten sie zu einer antichristlichen Verschwörung um.“

Womit wir auch schon mitten im 18. Jahrhundert wären, in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution, eine Zeit, in der – so Pipes – „vor allem mit den Freimaurern und den Illuminaten echte Geheimbünde entstanden und die jüdische Emanzipation in Gang kam“: „Es waren Ereignisse, die die Voraussetzungen dafür schufen, dass der Mythos von den Geheimgesellschaften und der Mythos vom konspirativen Judentum seine moderne Form fand.“ Eine Form, die über die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ und ähnliche paranoide Konstrukte, eine jüdische oder geheimbündlerische Verschwörung zur Übernahme der Weltherrschaft herbeifantasierend, den totalitären Verfolgungswahn eines Hitler und eines Stalin nährte und in den KZs und Gulags des 20. Jahrhunderts in Tod und Vernichtung mündete.


Fantasien von Wirklichkeit zu trennen, Verschwörungsdenken von Verschwörung, das habe er sich nach besten Kräften bemüht, behauptet Pipes. Und schränkt gleich ein: „Es kann aber niemand gewiss sein, dass ihm solches in allen Fällen gelingt. Das Verschwörungsdenken vermag sich selbst in die wachsten Köpfe einzuschleichen.“ Auch in einen wachen Kopf wie seinen? Machen wir die Probe aufs Exempel. Auf Seite 247 des Pipesschen Bandes erfahren wir: „Die in dieser Studie angeführten Belege bezeugen, dass die Linke das Verschwörungsdenken in den letzten 200 Jahren nicht minder förderte als die Rechte.“ Im Gegensatz dazu sähen Journalisten und Wissenschaftler „weltweit faschistische Bewegungen, die ihren Höhepunkt mit den Nazis erreichen, und in den Vereinigten Staaten beachten sie solche Organisationen wie den Ku-Klux-Klan und die Milizenbewegung. Deren Entsprechungen auf der linken Seite nehmen sie jedoch kaum wahr.“

Ein mysteriöser Umstand, dem Pipes gar gründlich auf den Grund geht: Das Verschwörungsdenken der Linken haben eben – wie entlarvend – „überzeugendere Argumente“. Die Linke konzentriere sich gewöhnlich „auf ein weniger unglaubenswürdiges Komplott“. Und außerdem seien „die Forscher selbst meist liberal und daher wohlwollender gegenüber der Linken“. Was haben wir denn da? Eine kleine, feine Verschwörungstheorie des Mister Pipes? Schlagen hier die US- amerikanischen Ängste von einer linken Unterwanderung – man denke an den McCarthy-Wahnsinn – durch? Da verwundert es auch nicht, dass Pipes der „großen Mehrheit der Wissenschaftler“ vorwirft, sie haben sich der selbstredend abstrusen Überzeugung angeschlossen, dass „eine US-Verschwörung“ auf die Vorherrschaft in Lateinamerika ziele. So etwas kann doch nur wirren Verschwörungstheorektikern einfallen.

Einem wie Walter Haubrich, seines Zeichens langjähriger Südamerikakorrespondent der bekanntermaßen linkslinken „Frankfurter Allgemeinen“, der in seinem Beitrag zu dem von Uwe Schultz herausgegebenen Sammelband über die „Großen Verschwörungen“ festhält, „in einigen Fallen, wie in Chile 1973“, seien Putschisten „vom amerikanischen Geheimdienst CIA wichtige Weichen gestellt“ worden.

Und: „Die meisten der erfolgreichen Putschmilitärs Lateinamerikas haben die United States Army School of the Americas in der Kanalzone von Panama besucht. Geheimdienstler aus den Vereinigten Staaten haben in manchen Diktaturen – etwa in Uruguay und Brasilien – der dortigen Polizei und den Militärs auch moderne Verhör- und Foltermethoden beigebracht.“ Indizien für eine Verschwörung? Oder nur Verschwörungstheorie? Ach was: Sagen wir einfach „Entwicklungshilfe“.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“,16. Jänner 1999

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