Lustiger als die Stoßzeit in der Straßenbahn, aber bei Weitem nicht so abwechslungsreich: Mit „Ganz Wien“ haben die Wiener Linien ihr Kerngeschäft zum Brettspiel gemacht. Wie funktioniert öffentlicher Verkehr mit maximal vier öffentlichen Verkehrsteilnehmern?

Ganz Wien: Was heißt das schon? Ich beispielsweise als eingeborener Transdanubier bin in der Überzeugung aufgewachsen, zwar in Wien zu wohnen, aber erst nach Wien fahren zu müssen, wollte ich mich in die jenseits der Donau gelegenen Bezirke begeben. Etwa für einen Theaterbesuch oder um eine etwas ausgefallenere Anschaffung zu tätigen („Stadtware“ nannte man das damals und nennt es mancherorts bis heute). Den Stadtgrenzen nach lebten Floridsdorfer, Kagraner, Stadlauer oder Hirschstettner seit der Eingemeindung 1905 in Wien, doch erst das Überqueren der Donau, die weiterhin als unbewusste Grenze wirkte, brachte sie dorthin, wo sie nur verwaltungstechnisch ohnehin schon waren: nach Wien eben.

„Ganz Wien“ ist nun ein Spiel betitelt, das von den Wiener Linien seit Kurzem vertrieben wird und dem, wenig überraschend, der hiesige öffentliche Verkehr Gegenstand ist. Ob sein Autor, Arno Steinwender, wie ich der Abstammung nach Transdanubier ist, weiß ich nicht. Sein „Ganz Wien“ allerdings fängt im Nordosten auch erst dort an, wo das Wien meiner Jugend für mich unstreitig begann: an der Donau. Allerdings hört das Spielbrett auf der entgegengesetzten Seite, im Südwesten also, wiederum mitten in Meidling auf, von Lainz, Auhof oder Neuwaldegg gar nicht erst zu reden, was „Ganz Wien“, einem ersten, zugegeben oberflächlichen Befund nach, von vornherein zu einer halben Sache macht. Aber was soll’s, es ist ja nur ein Spiel. Oder womöglich doch mehr?

Nehmen wir nur die Beschränkung auf maximal vier Spielteilnehmer: Hieße es das öffentliche Verkehrsgras wachsen hören, würde man darin Hintersinn vermuten – einen raffiniert versteckten Hinweis auf die Erschöpfung hiesig-öffentlicher Verkehrsressourcen? Andererseits ist solche Beschränkung guter Brauch bei vielen Spielen. Zudem würden die Wiener Linien schwerlich selber bewusst ihre Strapazierbarkeit in Zweifel ziehen. Und dass sie mit vier Passagieren allein schon ausgelastet wären, kann man ja selbst bei schlechtestem Willen nicht behaupten.

Der Plot ist rasch beschrieben: Es gilt, mit Bus, Straßen- oder U-Bahn nach Zufallsprinzip zugeordnete Ziele von mehr (Schloss Schönbrunn) oder minder manifester touristischer Erotik (Gasometer) zu erreichen. Zu diesem Zweck dienen fünf Würfel, die auf je zwei Seiten mit Symbolen für Bus, Straßen- und U-Bahn versehen sind. Gewürfelt wird gleichzeitig mit allen fünfen, jedes gewürfelte Symbol steht für einen Zug mit dem jeweiligen Verkehrsmittel. Soweit es am jeweiligen Standort überhaupt angeboten oder von dort wenigstens erreichbar ist. Womit jene sich bestätigt fühlen mögen, die Fortbewegung mit öffentlichen Verkehrsmitteln immer schon für reine Glückssache gehalten haben.

Verkompliziert wird die Angelegenheit durch Runde für Runde neu hereinbrechende „Ereignisse“, die das Fortkommen entweder behindern oder befördern. Die bezieht man aus einem Stapel von Ereigniskarten, deren Inhalte dem jeweils Ziehenden aufzutragen sind. Das liest sich dann so: „Grüne Welle: Der Verkehr ist flüssig, und die Ampeln stehen auf Grün. Du darfst einen beliebigen Würfel doppelt verwenden.“ Oder: „Hochzeit: Im Schloss Wilhelminenberg findet eine Hochzeit statt. Stell eine beliebige Spielfigur auf die Station Wilhelminenberg.“ Eine Testrunde im Familienkreis hat mich übrigens gelehrt, niemals nie nicht die Einladung zu einer Wilhelminenberger Hochzeit anzunehmen: Wen’s dorthin verschlägt, der hat bei „Ganz Wien“ so gut wie ausgespielt. Was den tatsächlichen öffentlichen Verkehrsverhältnissen im obersten Ottakring ziemlich genau entsprechen mag, nur: Allzu realitätsnah muss es ja auch nicht zugehen.

Apropos Wirklichkeitshaltigkeit: Dass sich unter den Ereigniskarten besonders häufig Fahrscheinkontrollen finden, wird niemanden wundern. Dass allerdings sogar der Bezug eines Fahrscheins ein dem Zufall überlassenes „Ereignis“ ist, dass also ein Fahrschein in keiner Weise erworben, sondern bar jeder Gegenleistung nur gezogen werden kann, überrascht denn doch. Man stelle sich vor: ein Tarifsystem, in dem den öffentlichen Verkehrsbenützern Fahrscheine einzig durch das blinde Wirken des Geschicks quasi verliehen werden. Und wenn man ohne Fahrschein erwischt wird, hat man wirklich einfach nur Pech gehabt. Liebe Wiener Linien: Gebt doch gleich Fahrscheinfreiheit für alle!

Sonst freilich geht den „Ereignissen“ allenthalben jene raffinierte Fülle an Variationen ab, die sich jedem öffentlichen Verkehrsteilnehmer täglich bietet: eine „Rush Hour“ mit „geänderten Zugfolgen“, ein „Stromausfall“ aufgrund eines Blitzschlags, ein „Schneechaos“ mit unvermeidlich folgendem Kollaps des Straßenbahnverkehrs, so weit, so wohlbekannt. Aber das soll alles gewesen sein?

Wie wär’s mit: „Ätsch: Der Straßenbahnfahrer schließt die Tür, als du gerade einsteigen willst, und lässt dich im Regen stehen. Eine Runde aussetzen.“ Oder: „Hoppala: Beim Aussteigen aus der U-Bahn tritt dir ein Einsteigender ans Schienbein. In dieser Runde keine U-Bahn benützen.“ Nicht zu vergessen: „Fehlanzeige: Der Bus, der laut Anzeige in zwei Minuten kommt, ist auch nach zehn Minuten noch nicht da. Auf Straßen- und U-Bahn wechseln.“ Nur so als Anregung für künftig anstehende Neuauflagen.

Dass „Ganz Wien“ seinerseits ein historisches Vorbild hat, sei nicht vergessen: Das „Wiener Stadtbahn-Spiel“ erfreute sich von der Jahrhundertwende bis in die 1920er hinein beträchtlicher Beliebtheit, in seiner ersten Ausgabe übrigens mit einer Dampflokomotive als Deckelillustration, die uns zwischen den Pylonen der Otto-Wagner-Brücke entgegenschmaucht. Des Weiteren mit einer Spielfläche, die Wien erheblich ganzer als jene von „Ganz Wien“ zeigt. Und mit Wertmarken, mit denen für die Fahrten zu bezahlen war. Na ja, die Welt von gestern halt.

Uns aber, uns Zeitgenossen der Moderne, ist es vergönnt, durch ein halbes „Ganz Wien“ wenigstens gratis zu fahren und zwischen Otto-Wagnerschen Pylonen schicke U6-Garnituren durchbrausen zu sehen. Und dass laut „Ganz Wien“ die Universitätssternwarte im Türkenschanzpark liegt und der Augarten nur einen Flakturm hat statt deren zwei, wird nur notorischen Nörglern die süße Lust am Spiel vergällen. So lustig wie die Stoßzeit in der Straßenbahn ist „Ganz Wien“ allemal.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 20. September 2014

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