Warum mein Wiener Vorstadt-Friseur in den Untergrund ging – und was ihn dort nicht bleiben ließ. Ein Abschied.


Der Griff in mein Haar. So sanft wie selbstbewusst. Ein leichtes Massieren der Kopfhaut, allmählich nachdrücklicher, über der Stirn, an den Schläfen, hinter den Ohren und, ja, im Nacken. „Wie viel soll es denn heute sein?“, fragt Irrsiegler. „Spielen wir Sommer“, sage ich, wie immer und zu jeder Jahreszeit. Und Irrsiegler weiß, was zu tun ist.

Der Friseur: einer der Hüter unserer Peinlichkeiten. Wer sonst dürfte uns im Alltag so nahe treten? Gegen Bezahlung. Und noch dazu sozusagen öffentlich. Intimer und regelmäßig an uns Hand zu legen – und das im Zeichen eines festen Berufsbilds – ist allenfalls dem Gynäkologen und dem Zahnarzt gestattet (von halbweltlichen Diensten einmal abgesehen). Und so wie Zahnarzt oder Gynäkologe ist auch der Friseur Geheimnisträger, einer freilich, der durch keine Schweigepflicht gebunden wäre, unser Schuppenproblem und unseren Haarausfall oder auch diese schmierig fettenden Haarwurzeln coram publico zu erörtern.

Also wechselt man den Friseur nicht ohne Not. 15 Jahre ist es her, dass Irrsiegler in mein Frisurenleben trat. Ich war, eben übersiedelt und solchermaßen friseurmäßig verwaist, auf der Suche nach einer neuen Haarschnittheimat, und weil meine diesbezüglichen Ansprüche eher bescheiden und eng auf den unmittelbaren Zweck, die Kürzung des Kopfhaars auf eine praktikable Länge, konzentriert sind, wählte ich schlicht den nächstbesten Laden, der eine Lösung meines Problems zu versprechen schien. „Georg Irrsiegler“ stand in schwarzen Plastiklettern an der Fassade des kleinen Wiener Vorstadtlokals und „Friseur“, und die scheinbar so unverzichtbaren Frisurenfotos in der Auslage umwehte der strenge Atem der Siebziger, die damals, Anfang der Neunziger, schlicht vergangen und „out“, noch längst nicht wieder „in“ waren als Wiedergänger der Mode.

Hinter der Eingangstür mit dem gerippten Glas dann Irrsiegler selbst, alterslos, klein, drahtig, kurzes, dunkles Haar, das am Oberkopf um eine Nuance dunkler als sonstwo schien – einziger, freilich untrüglicher Hinweis auf das Toupet, das Irrsiegler schon damals trug, vielleicht weil ihm Kahlköpfigkeit für einen Friseur unangemessen schien. Eine der wenigen Konzessionen an seinen Beruf. Eine weitere müssen die üblichen Friseurgespräche gewesen sein. Nicht, dass Irrsiegler die meteorologischen Lagebesprechungen zwischen Kamm, Schere und Trockenhaube fremd gewesen wären, aber wie dankbar nahm er das Angebot an, über anderes zu konferieren: seine Erlebnisse als Schachspieler zum Beispiel, seien es die in seinem früheren Klub oder jene unter den Hobbyspielern des Donauparks. Oder über die Lust, als Mittvierziger auf der Donauinsel es den anderen, viel jüngeren Inlineskatern noch einmal so richtig zu zeigen. Oder über seine Frau, die Serbin Mariza, die auch nach 30 Jahren noch immer nicht in Wien, aber ganz gewiss bei Irrsiegler zu Hause war.

Und da war noch das Dorf im Seewinkel, aus dem er stammte, mit manchen Erinnerungen an die Zeiten als jugendlicher Stürmerstar des lokalen Fußballvereins – doch stets ohne jede Wehmut. Irrsiegler schien immer da zu sein, wo er gerade war, in der Wirklichkeit des Augenblicks, nicht in einem – vermeintlich? tatsächlich? – besseren Gestern, auch nicht auf der Flucht in ein Morgen, das doch endlich so rosig sein würde, wie man sich sein Leben immer vorgestellt hatte. Irrsiegler, der Realist, sagte: So ist es, und so ist es gut. Und es war gut.

Selbst dann, als er seinen Laden schließen musste. Schon länger war mir aufgefallen, dass Voranmeldung vor dem Friseurbesuch nicht mehr nötig schien. Regelmäßig fand ich Irrsiegler im Hinterzimmer vor dem Schachbrett sitzend und über einem besonders gefinkelten Problem grübelnd, das er auf Nachfrage bereitwillig erläuterte. Und eines Tages dann, knapp vor einem Weihnachtsabend, der geschlossene Rollbalken und in der Auslage die geläufigen letzten Grüße an die treuen Kunden: der längst allgegenwärtige Partezettel des heimischen Kleingewerbes.

Wenig später eine zufällige Begegnung, auf der Straße: Die Miete sei eben zu hoch, das Einkommen zu gering gewesen, erzählte Irrsiegler. Und kein Friseur kann eine Schere brauchen, die immer weiter auf- und nicht wieder zusammengeht. So habe er sich zwischen Arbeitslosigkeit und Konkurs für Arbeitslosigkeit entschieden. Und dann, auf mein nachhaltiges Bedauern, flüsternd, verschwörerisch: Ich könne ja in seine Wohnung kommen, er habe sich da ein Zimmer, früher das seines Sohnes, als kleine Friseurwerkstatt eingerichtet. Aber Vorsicht vor der Hausbesorgerin, die muss nicht alles hören.

Ohne jedes Zögern folgte ich Irrsiegler in die Illegalität, das finstere Reich der Schattenwirtschaft. Sonst blieb vorerst alles, wie es war: Ich ging zu Irrsiegler, verlangte sommerliche Kürze, er schnitt und schien des Lebens froh in seinem winkeligen Heim, ohne all die Annehmlichkeiten, die vielen so unentbehrlich scheinen, ohne Auto, ohne auch nur einen Urlaubstag jenseits des Wienerwalds verbracht zu haben. Nur erzählte er nun weniger von Schach, eher von den Schulungen, die der Arbeitsmarktservice ihm angedeihen ließ. Und auch wenn er es vielleicht seltsam fand, dass man ihm, dem nunmehrigen Mittfünfziger, in Kursen beizubringen trachtete, wie er sich denn so richtig zu bewerben habe, als wäre dies das Einzige, was ihn an der – wie nennt man’s gleich? – „Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt“ hinderte: Er nahm es hin mit fröhlicher Gelassenheit.

Selbst dass die vage Hoffnung, als Schulwart Anstellung zu finden, schließlich auch zerschellte, vermochte ihn nicht ernstlich zu betrüben, ja nicht einmal der Tag, an dem er auf dem Trottoir vor seinem Wohnhaus in die Arme seiner Mariza sackte. Diagnose: Gehirntumor. Immerhin, jetzt habe sich das aussichtslose Buhlen um einen Arbeitsplatz erledigt, erläuterte er mir, als ich ein paar Wochen nach der Operation wieder unter seiner Schere saß. Die Chemotherapie werde er auch noch überstehen. Sicher werde er. Wer, wenn nicht er.

Seither sind zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre und zwölf Friseur-Sitzungen voller „Geht schon besser“, dem allmählich das „besser“ zu entschwinden schien. Und als ich kürzlich wieder bei Irrsiegler einkehrte, klang aus dem Mund noch Zuversicht, wo die Augen längst anderes verhießen. Die Behandlung sei endlich Vergangenheit, es fehle nur noch der abschließende Befund, der komme morgen.

Drei Tage später, wieder auf der Straße, wieder zufällig, Irrsiegler, müde, auf Mariza gestützt. Ein Griff an meine Schulter, ein Abschied. Irrsiegler, Ende 50, frisiert nicht mehr. Auch nicht mehr insgeheim. Der Sommer ist zu Ende. Mitten im Februar.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 4. März 2006